Architektur und Macht – Baustile der Epochen

Brauchtum

Geschichtliche Epochen der Architektur besser verstehen

Die mächtigsten Menschen haben immer die Architekten inspiriert; der Architekt war stets unter der Suggestion der Macht. Im Bauwerk soll der Stolz, der Sieg über die Schwere, der Wille zur Macht sichtbar werden. 

Die Verzahnung von Bauform und Herrschaftsstruktur beschränkt sich dabei keineswegs auf absolutistische und totalitäre Systeme also wie etwa im pharaonische Ägypten, im absolutistischen Frankreich oder im Nazi-Faschismus wo sie am markantesten hervortritt. 

In der Architektur verbindet sich die Macht des Faktischen mit der Kraft des Symbolischen. Psychisch, für das Bewusstsein, ist die Architektur eine Matrize von Wahrnehmungen, Assoziationen, Bedeutungen. Dieses Netz von Botschaften kann im Sinne einer psychotechnischen Rhetorik derart strukturiert werden, dass der Architektur die Fähigkeit zur Massenbeeinflussung und Massenmanipulation zuwächst. 

Gebäude sind wichtige historische Quellen. Steine können die Vergangenheit zum Sprechen bringen. In verschiedenen Epochen waren verschiedene Baustile angesagt: 

Einfacher Überblick der Baustile:

1000 – 1250RomanikRundbögen, Tonnengewölbe, schlicht und wuchtige Steinmassen 
1140 – 1530GotikSpitzbögen, Kreuzgewölbe, höhere Türme, Dome, Verzierungen 
1420 – 1610Renaissance Säulen, Kapitelle, Dreiecksgiebel, Kirchen und Dome, Schlösser 
1570 – 1770BarockVerzierungen und Ornamentik, Prachtfülle als Prinzip
1730 – 1780Rokokoaus Barock aber elegant und verspielt, meist kleinere Kunstobjekte 
1770 – 1840KlassizismusSehnsucht nach klaren Linien, einfache Formen, Vorbild klassische
griechische Antike

Romanik

Würzburger Dom

Seit dem Untergang Roms im 5. Jahrhundert und dem daraus resultierenden Ende der Antike, gilt sie als die erste europäische Kunstepoche. Das zentrale Werk bildet dabei der Kirchenbau, der durch monumentale Steinwände und demonstrative Wehrfähigkeit besticht. Bestimmt wurde die romanische Baukunst durch massive Steinwände und Rundbögen. Nur durch die aneinandergelegten Rundungen konnte die Last eines steinernen Dachgewölbe getragen werden.  

Die romanische Kirche als massiver Steinbau sollte der christlichen Gemeinde geschützte Andachtsräume bieten. Gleichzeitig dienten die Sakralbauten der Romanik dem Stifterfamilien zur Anhäufung von Ruhm und enthielten oftmals Schatzkammern für bedeutende Reliquien. 

Da mit den Bauten die Idee der christlichen Herrschaft übermittelt werden sollte, nahm der Chor eine Sonderstellung ein und wurde stark betont – schließlich vollzog der Priester dort seine spirituellen Handlungen. Es ist also kein Zufall, dass der Chor in Domen und Kirchen nach Osten in Richtung des Geburtslandes Jesu Christi und der aufgehenden Sonne zeigt. 

Gotik

Frauenkirche München

Die Gotik ist die zweite Epoche mittelalterlicher Baukunst. Voraussetzung waren tiefgreifende sozialökonomische und politische Wandlungsprozesse. Die Einheit von Kirche und Staat in Deutschland zerbricht in langen Kämpfen zwischen Kaiser und Papst. Die Richtung des inneren Sinnes geht in Richtung alles Irdisch Schwere aufzulösen und durchscheinend zu machen, losgelöst von allen Schwerkraftgesetzen. 

Kathedralen, die sich gen Himmel strecken, lichtdurchflutete Kirchen und filigrane Buntglasfenster – mit diesen und noch weiteren Stilmitteln hat sich die Epoche der Gotik in der Architekturgeschichte verewigt. 

Anders als die zuvorkommende Romanik und die nachfolgende Renaissance orientiert sich die Gotik nicht an antiken Vorbildern. Die herausragendste Schöpfung der Gotik war die Kathedrale. Eine Kathedrale wurde als Gesamtkunstwerk aus Architektur, Plastik und (Glas-)Malerei gesehen. Sakralbau (Kirchenbau) ist zentrales Thema der Epoche. 

Die architektonische Bedeutung lag dabei auf der Vertikalen – dem Streben zum Himmel. Ein zentrales der gotischen Baukunst war der Spitzbogen, der den typisch romanischen Rundbogen an Portalen und Fenstern ablöste. Durch die statischen Besonderheiten des Spitzbogens, konnten die Wände extrem dünn gebaut werden. 

Renaissance

Rathaus Augsburg

Wörtlich übersetzt heißt ‚Renaissance‘ Wiedergeburt. Die Renaissance beschreibt eine gesellschaftliche Revolution, die den Menschen wieder in den Mittelpunkt rückt. 

Der Mensch beginnt intensiv über sich selbst nachzudenken. Es ist die Zeit der Entdecker und Gelehrten. Amerika wird entdeckt, der Buchdruck erfunden. 

Kunst und Kultur erleben eine Revolution. Die Renaissance gehört zu den schillerndsten und unverfänglichsten Epochen der Menschheit. 

Kulturelle Eliten sorgen für einen einzigartigen Modernisierungsschub. In der Renaissance ist nicht mehr der Sakralbau allein stilprägend. Innerhalb weniger Jahrzehnte entstehen grandiose Bauwerke, Gemälde und Kunstwerke, die zu den bedeutendsten Werken er Menschheit gehören. 

Es ist die Zeit des Protokapitalismus, ein rasanter Wettbewerb zwischen Städten, Handelshäusern, Familien und Herrschern. Noch heute kennt unser Wortschatz Begriffe aus dem italienischen Bankwesen wie Giro und Konto, Kredit und Bankrott – Begriffe, die von italienischen Bankiers wie den Medici erfunden und geprägt wurden. 

Die Medici wurden so ungeheuer reich, weil sie zu den Bankiers des Papstes aufgestiegen sind – in einer sehr wichtigen Zeit des Papsttums. Vor den Fuggern, die bald in Augsburg von sich reden machen werden, sind die Medici die größten Magnaten Europas. 

Meilenstein in der Architektur war beispielsweise die Kuppel der Kathedrale von Florenz. Das besondere war die 107 Meter hohe Kuppel mit einem Durchmesser von 45 Metern – sie wurde komplett ohne Lehrgerüst (Hilfsgerüste, die im Bauwesen zum Mauern von Bögen und Gewölben verwendet wurden) errichtet. 

Klare geometrische Strukturen, Symmetrie und harmonische Proportionen wurden im Renaissance-Stil angestrebt, um ein vollkommenes Gleichgewicht zu erlangen. Zahlreiche Bauwerke entstanden nach der Proportionsregel des Goldenen Schnitts

Gesellschaftliche Entwicklung im Mittelalter

Im Mittelalter (500 – 1500) ist das Weltbild geprägt von einer strengen Ständeordnung. Der oberste Stand war der Klerus. Zu ihm gehörten alle Repräsentanten der katholischen Kirche wie Bischöfe, Pfarrer, Mönche und Äbte. Danach folgten der Adel und zum Schluss die Bauern. Sowohl im geistigen als auch politischen Leben war die Kirche im Mittelalter eine äußerst einflussreiche Kraft. Bischöfe waren nicht nur mächtige Fürsten mit Landbesitz und Untergebenen, sondern berieten bisweilen sogar König und Kaiser. 

Eine Kaiserkrone empfing der Herrscher aus den Händen des Papstes, was immer wieder zu Konflikten führte. Die Königswürde dagegen war keine Angelegenheit der Kirche! Ab dem Ende des 12. Jahrhunderts blieb die Wahl des Königs den deutschen Kurfürsten vorbehalten, deren Zahl ab 1257 auf sieben beschränkt wurde. 

Der Beruf des Ritters entstand ab dem 9. Jahrhundert als die Kriegsführung zu Pferd immer bedeutender wurde. Soldaten mit Schlachtross und Rüstung waren für Kriegsherren äußerst wichtig, weshalb sie weitreichende Privilegien genossen. 

Doch das Mittelalter steht auch für wegweisende Entwicklungen z.B. für die Gründung der ersten Universitäten oder das Erblühen der Städte und damit auch für den Aufstieg von Handel und Handwerk

Im Spätmittelalter (1250 – 1500) erwuchs dem Glauben ein starker Konkurrent – die Wissenschaft. In einer komplexer werdenden Welt wollten die Menschen zunehmend mehr wissen, welche Regeln und Zusammenhänge sich hinter den Erscheinungen der Natur verbargen – der Verweis auf göttliche Schöpfung genügte vielen nicht mehr. 

Barock 

Kloster Ettal

Es ist das Zeitalter der Inszenierung. Macht und Pracht zeigen – nicht nur der Adel, sondern auch die Kirche beabsichtigte, ihre Gläubigen von ihrer Macht zu überzeugen. Es ist quasi ein architektonischer Wettbewerb zwischen einem „kleinen Weltlichen aber vermeintlich Herrscher von Gottes Gnaden“ und „Angst vor als Sparsames Gotteshaus“ geltenden Sakralbauten.

Während Herrscher im Mittelalter umherreisten, um überall in Ihren Landen regelmäßig präsent zu sein bauten sie vom 16.Jahrhundert an feste Residenzen zu Herrschaftssitzen aus – prächtige Schlösser, gern abseits des städtischen Trubels, mit riesigen Parks und opulent dekorierten Festsälen. 

Gebildete konnten die Bilder im Palast lesen wie wir heute ein Werbeplakat. Die Bilder forderten auf neue Weise die Wahrnehmungskraft des Betrachters heraus, da die Kunst der Beobachtung und Selbstbeobachtung auch in seinem alltäglichen Leben brauchte. (Ausleben der Affekte im Zusehen). Es waren die Bilder, die bleiben…

Nach und nach entwickelten sich nun Staaten mit zentralen Verwaltungen, einem stehenden Heer und professionellen Beamten. Immer mehr Adlige kamen hierher, errichteten repräsentative Palais; suchten die Nähe des Königs, der nun nicht mehr in die Nähe ihrer Landgüter reiste. 

Althergebrachte Rechte, etwa auf Posten oder Renten, zählten immer weniger, stattdessen entschied der Monarch nach Loyalität und Nützlichkeit, wer Ämter, Militärkommandos, geistliche Pfründen oder Pensionen erhielt. All diese wurden bei Hofe vergeben. Kein Wunder, dass sie alle herbeiströmten. 

Der Sonnenkönig und der Absolutismus

Ludwig der XIV (1638 – 1715) schuf mit dem Schloss Versailles samt Residenzstadt den Prototypen eines absolutistischen Hofes, der in ganz Europa Nachahmung fand. Höfische Etikette nötigte die reichen Adligen immense Geldsummen für Kleidung auszugeben und ihre Zeit auf Bällen, Diners und anderen Festlichkeiten zu verbringen. Kein Aristokrat, der auf die Gunst des Königs angewiesen war, konnte seine Abwesenheit riskieren. 

Vom ersten Augenblick an lässt der junge König keinen Zweifel an seinem unumschränkten Anspruch auf Alleinherrschaft. Er treibt die Entmachtung des Adels gezielt voran, beschneidet das Einspruchsrecht des Parlaments, erhebt neue Steuern aus eigener Kraft, bricht die Macht des Papstes über die französische Kirche und bringt die Kleriker des Landes hinter sich. 

Die Barockzeit wird von zwei gegensätzlichen Polen bestimmt: dem Absolutismus als weltliche Herrschaftsform und der Kirche als Statthalter von Ewigkeit und Jenseits. Verständlich ist die Sehnsucht der Menschen nach Ordnung, Sicherheit und Geborgenheit, speziell nach den Wirren des dreißig jährigen Krieges, systematischen Hexenjagden usw. 

Geheimcode der absoluten Macht im Barock:

Zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert entstanden Barockbauten nach einer symmetrischen Bauweise mit geschwungenen Formen im Grundriss. Die großzügig gestalteten Gebäude dienten also vorrangig als monumentale Repräsentationsbauten der Adelsfamilien und der katholischen Kirche. 

Innenräume erhielten üppige Verzierungen oft aus kostbaren Materialien wie Marmor und Goldauflagen. Mit Kartuschen – flächigen Dekorationsrahmen – und filigranen Stuckarbeiten wurden Wände, Fassaden und Decken ausgestattet. Prunkvolle Spiegelsäle sollten die Raumwirkung erweitern. 

Der Lichteinfall in Kirchen war für die barocken Architekten ein wichtiges Gestaltungselement. Effekte aus Licht und Schatten sollten den Kirchenbesuch zu einem eindrucksvollen Erlebnis machen. Tipp: Besuchen Sie die Asam-Kirche des Kloster Weltenburg! – am schönsten wirkt die Kirche in den frühen Morgenstunden, wenn die Sonne durch die drei rückwärtigen Fenster scheint und den Raum in strahlendes und zugleich warmes Licht taucht. Die Altarfigur von St. Benedikt erstrahlt als erstes… – beeindruckend!

Ansonsten – Kolossalordnung (über zwei Geschosse verlaufende Säulen oder Pilaster), Kolonnaden (Säulengang mit geradem Gebälk), Volute (schmückendes schneckenförmiges Gestaltungselement) Geschwungene, große Treppen im Außenbereich sind typische Bauteile und Gestaltungselemente. 

Rokoko

Wieskirche

Rokoko ist genau genommen keine eigene Epoche, sondern ein Stil des Barocks mit bestimmten Merkmalen, die einfach leichter sind, als im Barock. Die Entwicklung des Rokokos als neuer Architekturstil lässt sich als Reaktion auf den pompösen, erhabenen Stil des französischen absolutistischen König Louis (Ludwig) XIV. verstehen, dessen Macht jegliche Gebiete des Lebens und der Kunst durchdrungen hatte. 

Nach der repräsentativen, würdevollen Größe der Architektur des 17. Jahrhunderts sehnte man sich in der Baukunst des Rokokos nach mehr Intimität und Leichtigkeit. Die Architektur sollte elegant, bequem und besonders in der Innenausstattung komfortabel sein. So kam es im Rokoko zu einer herausragenden Beachtung des Interieurs, wobei die einzelnen Künste, wie Bildhauerei, Malerei und Kunsthandwerk zu einem regelrechten Gesamtkunstwerk beitrugen. 

Auf Grund der angepassten Funktionalität an das Gesamtbauwerk wurden die Proportionen und Ausmaße zierlicher, die Aufteilung der Architekturelemente leichter. Aufmerksamkeit kam nicht nur dem Gesamtbau, sondern auch dem einzelnen Detail und der Dekoration zu. 

Der eigentliche Reiz der Rokokoarchitektur lag und liegt jedoch in der eher zurückhaltenden Fassadengestaltung und der hoch entwickelten Raumdekoration. Während es im Barock in erster Linie darum ging, die Macht des Fürsten durch die Pracht seiner Schlösser zu zeigen, so wurde es jetzt wichtiger, dass die Schlösser auch gemütlich und wohnlich wirkten. 

Das ganze Wissen und Können, alle Wissenschaften werden eigesetzt, um die Menschen zu verzaubern. Barocke Kirchenbauten sind weniger pädagogisch ausgerichtet, sie wollen nicht belehren, sondern schlichtweg überrumpeln. Die Früchte von Erlösung und Gnade werden nicht aufgezählt, sondern sollen auf den ersten Blick sichtbar werden. 

Der Begriff Rokoko stammt von dem französischen Wort „Rocaille“, was so viel wie „Muschelwerk“ bedeutet. Die Muschel war als Zier-Form zur damaligen Zeit besonders beliebt. Während die Menschen im Barock Symmetrie bevorzugten, zeichnet sich das Rokoko durch Asymmetrie und ausufernde Verzierungen aus. 

Klassizismus

Die klassizistische Architektur lässt im Grundriss nur noch die Gerade, den rechten Winkel und bei Zentralbauten die Kreislinie gelten. Diese geometrische Ordnung führt im Aufriss zu glatten, großzügigen Flächen, Säulenordnungen sind rein konstruktiv bedingt, sie tragen Gebälk und dienen nicht nur zur Wandgliederung. 

Der symbolischen, repräsentativen Bedeutung kam im Klassizismus mehr Bedeutung zu, als der bloßen Nützlichkeit eines Bauwerks. Das Vorbild der klassizistischen Architektur waren vor allem die griechischen Tempel der Antike

Zur Zeit des Klassizismus wurden zahlreiche Bauwerke, wie Paläste, Parlamentsgebäude, Kirchen, Rathäuser, Siegesdenkmäler und Stadttore in Anlehnung an die längst vergangene Epoche gebaut. Stilprägend für den Klassizismus ist besonders der Drang nach Monumentalität, Prunk und Größe. Beliebt war der von Säulen getragene Kuppelbau oder die Tempelfront mit dem typischen Dreiecksgiebel, dem Tympanon

In München betätigte sich der Bayernkönig Ludwig I. (1786-1868) als Mäzen für Kunst und Kultur. Er berief zahlreiche Künstler und Architekten nach München und ließ Bauten im klassizistischen Stil errichten. 

Die Glyptothek am Königlichen Platz, das Museum für die griechische Skulpturensammlung Ludwigs I., weist den klassizistisch monumentalen Charakter auf. Das symmetrische Bauwerk mit dem Eingang in der Mitte des Baukörpers besitzt eine monumentale Giebelfront, die von acht ionischen Säulen getragen wird. 

Das klassizistische Stadttor Propyläen in München wird von zwei monumentalen Türmen zu beiden Seiten eingerahmt. Ein relativ flacher, tempelartiger Bau in der Mitte, mit dorischen Säulen und Dreiecksgiebel steht in Anlehnung an die Propyläen in Athen, das Tor zu einem heiligen Bezirk der Akropolis. 

Sechs „Schlüssel der Architektur“ für Machthaber

Die Architektur hat eine besondere Affinität zur Macht. Als die „öffentliche Kunst“ und gebautes Modell der Gesellschaftspyramide war die Architektur durch die gesamte Kulturgeschichte der konzentrierte Ausdruck der politischen, wirtschaftlichen, klerikalen u.a. Mächte. Sie galt als das vornehmste Sprachrohr der Potentaten und war Lieblingsspielzeug der Diktatoren, errichtet, um von deren Macht und Herrlichkeit zu kündigen. 

Ästhetisierung der Politik

Transport einer ideologischen Botschaft wie beispielsweise die Massenaufmärsche im Dritten Reich mit der quasi-sakrale Stimmung vom düsteren Pathos der Architektur und der Strenge der architektonischen Ordnungen wird auch mediales Gesamtkunstwerk oder Ästhetisierung der Politik bezeichnet. 

„Palast und Hütte“ – Metapher

Palast und Hütte gelten als architektonische Metaphern für den Gegensatz von Herrscher und Beherrschten. Die Pracht der Paläste erweist sich als mehrfacher Code: 

Das kunstvoll-luxuriöse Ambiente ist Selbsterhöhung des Herrschers auf dem Wege der Autosuggestion, Statussymbol gegen die neidvolle Konkurrenz und Blendung der Untertanen. Dies wiederholt sich im Königspalast, im Bankpalast, im Konsumpalast der Ware. Die Erhöhung der Macht korrespondiert mit der Erniedrigung der Untertanen. 

Uniformierung des Banalen

Hochhaus heute – „Zelle auf der Parzelle“

In der Zelle, auf der Parzelle. Die latente Wirkung der Vermassung und der Entpersönlichung. Aus dem Machtpolitischen Kalkül die Massen nicht nur gleichmäßig zu behausen, sondern sie zugleich als Namenlose zu entmündigen. 

Undurchschaubarkeit

Die Dialektik von Verbergen und Demonstrieren spiegelt sich in der Architektur direkt, z.B. im Verhältnis von unterirdischen zu oberirdischen Räumen.  

Das Labyrinth der Geheimgänge, der Keller und Bunker etabliert eine Zone der Macht, die deshalb gefährlich war, weil sie unerkannt bleiben konnte.  

So spaltet sich eine Stadt in eine „oberirdische Stadt für die Seele“ (Albert Speer) und eine unterirdische, getarnte Zone der funktionalen Machtauübung. Die Undurchschaubarkeit ist ein konstituierender Faktor der Macht. Es sind Orte der Isolation und des Verbergens, welche die Abtrünnigen dem Blick der Rest-Gesellschaft entziehen. 

Monument und Koloss

In der Architektur sind das Monumentale und das Kolossale die bevorzugten rhetorischen Figuren für den Ausdruck von Macht. Vom Monumentalbau geht eine Doppelwirkung aus, zum einen die Empfindung der Kleinheit und Bedeutungslosigkeit des einzelnen Menschen gegenüber dem Ganzen, zum anderen des Erhabenen und Großartigen, das uns gerade übersteigt.

Kult der Mitte

Der Kult der extrovertierten Mitte ist ein Signum der Herrschaftsarchitektur. Je zentralistischer, je absoluter die Machtausübung, desto deutlicher tritt dieser Charakter hervor. Im Falle des absolutistischen Schloss Versailles war beispielsweise das Schlafgemach des Souveräns der Schnittpunkt der Achsen.  

In den alten Kulturen Zentralasiens, Irans, Indiens und Chinas gab es die Vorstellung vom Reich der Mitte als einer geografischen Deutung mit kosmologischer Symbolik. Der Kult der Mitte als zentralistische Praxis zieht die Geringschätzung der Peripherie nach sich. 

Grundfragen der Architektur 

Architektur (griech. Baukunst) bezeichnet die Gesamtheit aller Bauwerke mit künstlerischer Gestaltung, die über die Erfordernisse ihres reinen Zweckes oder der Nützlichkeit hinausgehen. Hinsichtlich der „Funktion“ eines Bauwerkes unterscheidet man insbesondere 

Profanbauten

Unter dem Begriff „Profanbauten“ werden alle Bauwerke ohne religiöse oder kultische Nutzung zusammengefasst. Profan (lat.: „pro“ = „vor“, „fanum“ = „heiliger Bezirk“) bedeutet „vor dem geheiligten Bereich Liegendes“. Drei Hauptgruppen sind in der „Profanarchitektur“ zu unterscheiden: 

Sakralbauten

Sakralarchitektur (lat. „sacer“ = heilig) ist die zusammenfassende Bezeichnung für alle Bauten, die kultischen und religiösen Zwecken dienen (Sakralbauten): 

In der mittelalterlichen Architektur spielt die “Zahlensymbolik“– vor allem der Zahlen Drei, Vier, Sieben und Zwölf – eine große Rolle. Die Drei gilt z.B. als Ausdruck der Vollkommenheit (Dreifaltigkeit, Auferstehung am dritten Tag) und findet u. a. in der dreischiffigen Kirche und im „Dreipass“ (Maßwerkform) ihren Ausdruck. So wie der Künstler kann der Architekt zum Mittler zwischen Göttlichem und Menschlichem, zwischen Idee und Erscheinung werden. 

Einflussfaktoren auf den Kirchenbau 

Drei für die Enggestalt des Kirchenbaus richtungsweisende Einflussfaktoren lassen sich im Trias (Dreieck) benennen: Bauherr, Gottesdienst und Architektur. 

Geheimes Bauhüttenwissen

Mystische Architektur, die sich Mitteln wie Maßkunde, Orientierung, Zahlensymbolik, Lichtführungstechnik und das Aufgreifen sakraler Raumstrukturen bediente. Bauhüttengeheimnisse waren nichts anderes als Wissen um sakrale Technologie zu Proportionen und Raumsymbolik, letztlich altes geomantisches Bauwissen, um den richtigen Umgang mit den Tiefendimensionen und der Kraft des Raums

Somit wurden Orte geschaffen, die nicht nur Stätte der Versammlung sind, sondern auch Orte, die für uns einen Begegnungsraum mit dem göttlichen Ursprung bieten, Zugang zur eigenen Innenwelt und eine räumliche Ressource des Erlebens von Mitte oder Segenskraft darstellen. 

Die sieben freien Künste – „Artes mechanicae“ 

Ein Baumeister mit Kenntnissen als Steinmetz, Zimmermann, sowie in den Bereichen Skulptur, Malerei, Maschinenbau und Organisation galt als Künstler. Um 1030 wurden Kirchensteine noch an Ort und Stelle zugehauen und an die Einbaustelle angepasst. 

Mit der Gotik begann die Vorfertigung spezieller Teile im Steinbruch oder in der Bauhütte. Durch die Vorfertigung war es nun möglich, das ganze Jahr durchzuarbeiten, in beheizten Räumen und Hütten. Das über Jahre erworbene Wissen galt als schützenswertes Kapital, das eine Monopolstellung sicherte. So mussten Bauhüttengeheimnisse vom Meister übernommen und verinnerlicht werden. 

Proportionen und Goldener Schnitt 

Künstler haben zu allen Zeiten entsprechend ihrer Gestaltungsabsichten versucht, Ausgewogenheit und Schönheit zu definieren. Ein solches Prinzip ist die Proportion (lat. Proportio = Verhältnis), d.h. sie stellt das Verhältnis zum Ganzen dar. Geometrische Figuren wie Quadrat, Dreieck und Kreis galten bereits in der Antike als schön. 

Die bekannteste Proportionsregel wird „Goldener Schnitt“ genannt. Sie fand bereits in Kunstwerken und der Architektur der Antike Anwendung und lässt sich nicht mit rationalen Zahlen ausdrücken, sondern nur durch Konstruktion erreichen

Man zeichnet die Strecke AB und errichtet über B das Lot BC mit BC= ½ AB. Dann schlägt man einen Kreis um C mit dem Radius CB, der AC im Punkt D trifft. Danach schlägt man einen Kreis um A mit dem Radius AD. Er schneidet AB in E. 

Der Goldene Schnitt

Unterteilt man die Höhe des Menschen nach dem goldenen Schnitt, dann liegt der Punkt E im Nabel. In der Antike herrschte die Auffassung, dass der menschliche Körper und seine Teile eine gewisse symmetrische Harmonie, die sich auch mathematisch beschreiben ließe, besitzen müsse, um vollkommen zu sein. Sein goldener Punkt sei der Nabel, der darüber liegende Teil sollte dem Minor und der darunter liegende dem Major der Körpergröße entsprechen.

Proportionierung in der Architektur als auch Kunstwerken aus der Malerei, Bildhauerei, basieren auf den Erkenntnissen von Fibonacci..

Das Zahlenverhältnis beginnt folgendermaßen (siehe Bild oben in der Mitte):

Diese Zahlenfolge steht im direkten Zusammenhang mit den Maßverhältnissen des Goldenen Schnittes: Je größer die Summe im Fibonacci-Verfahren wird, desto genauer nähert sich das Verhältnis der aufeinanderfolgenden Zahlen der Goldenen Zahl Phi an.

Konkretes Beispiel aus der Praxis:

Das Abendmahl von Leonardo da Vinci:

Jesus und jede Apostelgruppe bilden den Major, jede andere Gruppe den Minor

Licht und Architektur

Wichtigste Kontraste zum Licht sind Halbdunkel und Schatten. Seit der Antike benutzt man Kanneluren (das sind senkrechte, aufrechte runde Vertiefungen) an Säulen, Pfeilern und Pilastern zur Licht-Schatten Wirkung und als Mittel der optischen Schlankheit.

Architektur ist der kunstvolle, korrekte und großartige Spiegel der unter dem Licht versammelten Baukörper, unsere Augen sind geschaffen, die Formen unter dem Licht zu sehen: Lichter und Schatten enthüllen die Formen.

Der Grad der Beleuchtung, die Lichtfarbe, Schattenwirkung und der Wechsel von Hell und Dunkel nehmen Einfluss auf Wohlbefinden, Lebensrhythmus und Stimmung des Menschen.

Architektur wird auf drei Wahrnehmungsebenen erlebt und beurteilt: einer pragmatischen, einer ästhetischen und einer emotionalen. Noch einfacher formuliert bedeutet dies: Architektur soll dienen, soll schön sein und soll uns bewegen.

Bei analytischer Suche stößt man auf drei andere Wahrnehmungsebenen, die in unserem Sehzentrum angesiedelt sind. Sie wirken zusammen und steigern sich vom Rationalen, über das Existentielle zum Seelischen.

„Architektur ist die Mutter aller Künste.

Ohne Architektur hat unsere Zivilisation keine Seele.“